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Interview mit http://blindpr.wordpress.com

Auf die Antworten zu diesem Interview habe ich mich schon länger gefreut, da mir der Blog von Heiko sehr gut gefällt und es sich hierbei auch um ein Thema handelt, auf welches ich in meinem Blog bisher noch nicht näher eingehen konnte. Heiko ist blind und bloggt erfolgreich. So sehe ich das zumindest. Mir gefällt sein Blog äußerst gut. Seine Artikel sind sehr leserlich und interessant. Viel Spass bei folgendem Interview. :-)

1.) Hallo Heiko, Inhaber von http://blindpr.wordpress.com. Erzähle uns doch bitte ein wenig über deine Person. Was macht dich als Mensch aus?
Äußerlich das Auffälligste an mir ist, dass ich blind bin. Das ist aber nicht die Eigenschaft, die meine Person ausmacht, sondern nur eine von vielen Eigenschaften. Ich bin 33 und betreue seit zweieinhalb Jahren die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (www.bsvh.org). Ich lese gern Bücher in Blindenschrift und schreibe selbst. Ich spiele Theater in einer gemischten Gruppe aus sehenden und blinden Schauspielern. Dabei habe ich meine Freundin kennen gelernt. Ich liebe Hamburg: Spaziergänge an der Alster oder Elbe oder im Stadtpark, Konzerte und Kultur.
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2.) Dein Blog ist sehr interessant. Wie bist du auf die Idee gekommen, diesen zu erstellen?
Eigentlich seit meiner Erblindung vor über 25 Jahren stellen mir meine Mitmenschen Fragen über das Leben mit der Behinderung. Zwischen vielen behinderten und nichtbehinderten Menschen gibt es Vorurteile und Berührungsängste. Als ich acht war, fragten mich meine sehenden Freunde aus der Nachbarschaft, was wir noch miteinander spielen könnten. Als Jugendlicher fragten meine Kumpels, ob ich mit ins Kino kommen würde. In der Uni konnten sich meine Referatspartner nicht vorstellen, wie ich Fachliteratur lesen sollte. Seit ich PR für einen Blinden- und Sehbehindertenverein mache, bekomme beruflich viele Fragen zu hören. Es gibt also ein Interesse am Thema. Da lag es nahe, die Themen auch in einem Blog aufzugreifen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und schließlich gehört es zu zeitgemäßer PR, das Web 2.0 zu nutzen.
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3.) Worum dreht es sich in deinem Blog?
Ich schreibe über die ganze Palette der Themen, die mich beschäftigen. Das reicht von meinen beruflichen Aktivitäten, über die Lage sehbehinderter und blinder Menschen, bis zu Konzert-Kritiken und Reiseberichten. Letztlich möchte ich mit Blind-PR auch zeigen, dass das Leben eines blinden Menschen genauso bunt und vielseitig sein kann wie das sehender Menschen. Wir sind nicht hilflos und vereinsamt in ständiger Dunkelheit.
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4.) Dein Template wirkt sehr schlicht und einfach, aber dennoch schön. Es ist eben übersichtlich und auch für Laien leicht verständlich. Also nach dem Motto: “Weniger ist mehr?” :-)
Ehrlich gesagt, bin ich kein Experte in Sachen Webdesign. Mir war einerseits wichtig, dass das Blog einigermaßen barrierefrei zu nutzen ist. Sprich: blinde und sehbehinderte User sollten es leicht nutzen können. Und es sollte auch optisch ansprechend sein. Da hab ich mir sehenden Rat bei meiner Freundin eingeholt.
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5.) Wieso hast du eigentlich eine WordPress Domain? Sie ist gratis, aber nicht sehr einprägsam.
Das ist richtig. Vielleicht werde ich das bei Gelegenheit einmal ändern.
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6.) Wie siehst du den Hype in punkto Bloggen. Nimmt er ab oder geht es weiter steil bergauf oder ist keineswegs von einem Hype die Rede?
Der Hype ist lange vorbei. Bloggen ist ein Medium von vielen, und das muss man auch realistisch einschätzen. Dennoch bin ich dankbar für jeden Besucher und jeden Kommentar. Wenn ich bei einigen von meinen Lesern Vorurteile abbauen und ihre Fragen beantworten konnte, dann hat sich Blind-PR schon gelohnt. Letztlich ist das Thema Augenerkrankung/Sehbehinderung/Blindheit medial ein Nischen-Thema. Da ist ein Blog eine gute Möglichkeit, das Thema breiter zu beleuchten.
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7.) Nutzt du eigentlich Facebook und Twitter und was hältst du von diesen Anbietern?
Ich habe ein Facebook-Profil (www.facebook.com/HeikoKunert) und bin bei Twitter (http://twitter.com/HeikoKunert). Schon aus beruflichen Gründen probiere ich neue Social-Media-Angebote gern aus. Manche erweisen sich als nützlich, andere als Flop. Ohne die Nachrichtenquelle Twitter möchte ich nicht mehr online sein. Ich schätze auch sehr die schnellen Diskussionen dort und die Kontakte, die dort entstehen. Facebook nutze ich primär privat und für die leichte Unterhaltung. Das Network hat aber selbstredend ein viel größeres Potenzial.
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8.) Wie gehst du damit um, dass du blind bist? Wurdest du so geboren?
Wie gehen deine Mitmenschen damit um?
Ich bin mit sieben Jahren durch einen Tumor erblindet. Heute führe ich ein ganz normales Leben. Es gibt Hilfsmittel (Blindenstock, sprechende Uhren, Farberkennungsgeräte), die mir meinen Alltag erleichtern. Für mein persönliches Umfeld ist meine Behinderung kein Thema mehr. Sie ist eben eine Eigenschaft von mir. Anders ist es bei Menschen, die ich zum ersten Mal treffe. Hier gibt es häufig Ängste und Vorurteile, die ich versuche abzubauen, indem ich offensiv mit meinem Handicap umgehe. Ärgerlich ist vor allem, wenn man mir meine Selbstständigkeit abspricht und mich behandelt, als sei ich kein gleichberechtigter Mitbürger: Der Passant, der mir nicht glaubt, dass ich selbstständig in die U-Bahn steigen kann, der Arzt, der nicht mir, sondern meiner Begleitperson meine Diagnose berichtet. Aber bei den allermeisten Mitmenschen lohnt es sich, ganz unverkrampft über meine Blindheit zu sprechen. Wenn erstmal die Fragen beantwortet sind, kann man ganz normal miteinander umgehen.
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9.) Hast du jemanden, der dir die Comments und E-Mails vorliest, welche du bekommst oder funktioniert dies via Voice-Programm?
Auf meinem PC ist ein so genannter Screenreader installiert. Die Software wandelt den Bildschirm-Inhalt so um, dass er von einer Sprachausgabe vorgelesen werden kann. Außerdem wird er auf einer Braillezeile in Blindenschrift wiedergegeben. Der technische Fortschritt hat blinden und sehbehinderten Menschen hier viel Selbstständigkeit und Lebensqualität gebracht.
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10.) Wie viele Besucher hast du so pro Tag und wie steht es um deinen Traffic?
Das schwankt sehr – auch je nach behandeltem Thema. Momentan schwankt die Zahl der Besucher zwischen 100 und 700 pro Tag.
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11.) Macht die Politik genug für Blinde Menschen oder ist da Nachholbedarf angesagt?
Deutschland hat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert und sich damit verpflichtet, mehr für behinderte und damit auch blinde und sehbehinderte Menschen zu tun. Die Bundesrepublik hat da noch erheblichen Nachholbedarf, wenn man die Lage hier zum Beispiel mit der in Großbritannien oder in den USA vergleicht. Bei uns wird bei Bauvorhaben viel zu wenig an Barrierefreiheit gedacht. Wir sind es auch immer noch nicht gewohnt, dass behinderte Menschen gleichberechtigt sind und z. B. behinderte Kinder in Regelschulen gehen oder man behinderte Arbeitskollegen hat. Da bewegt sich momentan in Politik und Behörden viel. Es findet da wirklich ein Umdenken statt. Andererseits führt die Politik diesen neuen Ansatz immer wieder auch ins Gegenteil: So plant Schleswig-Holstein zurzeit das Blindengeld zu kürzen, und in Hamburg werden Straßen in Shared-Space-Flächen umgewandelt, auf denen es keine Ampeln und Verkehrsregeln gibt, stattdessen sollen sich Fußgänger und Autofahrer per Blickkontakt verständigen. Das ist für blinde und sehbehinderte Menschen unmöglich. Damit entstehen Straßen, die für uns nicht nutzbar sind. Wie das zur UN-Konvention passt, ist mir ein Rätsel.
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12.) Danke für das Interview und bis bald. :-)

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Über den Autor

Blogger, Webdesigner, SEO und dem Bereich Online Marketing an sich sehr angetan. Wir leben in einer Zeit, in welcher wir Zeugen werden, welche immensen Ausmaße das Internet annimmt und der Hype ist noch lange nicht vorbei. :-)

Kommentare 5

  1. Robert Stögmann says:

    Danke, freut mich, dass der Blog anscheinend immer mehr Leuten zusagt. Das motiviert. :-)

  2. Blinde-Kuh says:

    Schönes Interview.
    L.G. Anja

  3. Robert Stögmann says:

    Thank you. :-)

  4. Robert Stögmann says:

    Naja, ich google viel. Teilweise von dem, der mir bei Twitter folgt, ahja der von Yuccatree. D-
    Will eben großteils starke Blogger interviewen. Aber halt nicht immer irgendwelche 0815 Blogs. :-)

  5. Pingback

  6. schönes Internview. Wo buddelst du bloß immer diese Blogs mit außergewöhnlichem Hintergrund aus?

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